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Reality Check

Die Uni, ein Elfenbeinturm?

Das bewegendste Schicksal, das mir in viereinhalb Jahren als akademischer Mitarbeiter an der BTU Cottbus begegnet ist, war der Fall der russischen Studentin, die um ein Haar nicht hätte weiterstudieren dürfen, weil sie den obligatorischen Sprachkurs nicht bestanden hatte. Ihr wurde Aufschub gewährt, und am Ende war alles gut. Am meisten aufgeregt hat mich der erste entdeckte Pfuschversuch in einer Klausur; den habe ich persönlich genommen. Sonst war nicht viel. Jetzt habe ich einen neuen Job, und alles ist anders.

Ich arbeite jetzt seit einer Woche bei einem Hauptzollamt; warum, erkläre ich gleich. Dort hospitiere ich in der Vollstreckungsabteilung: Die Hauptzollämter treiben bestimmte öffentlich-rechtliche Geldforderungen ein, u.a. für die Arbeitsagenturen, Krankenkassen, Familienkassen und Berufsgenossenschaften. Die Instrumente sind die üblichen: Sachpfändung, Immobiliarvollstreckung, Forderungspfändung, Abnahme der Eidesstattlichen Versicherung. Die Kundschaft ist bunt gemischt.

Alleine gestern sind mir begegnet: Ein ehemaliger Geschäftsmann mit 7 Millionen Euro Schulden und vier Jahren Knast auf dem Buckel. Eine Hartz-IV-Empfängerin mit gepfändetem Konto, die seit Tagen “nur von Wasser und Brot” lebt und sehr aufgebracht ist: “Mein Mann ist gestorben, mein Onkel ist tot. Wollt ihr mich auch noch umbringen?” Einer, der den Winter auf der Straße verbracht hat, nun in einem Obdachlosenwohnheim lebt, alle Behördenschreiben in einem dicken Knäuel in der Hosentasche mit sich herumträgt und sich beschwert, dass man ihm übel mitspielt, während “die Kanacken allet hinten rin jesteckt kriegen”. Es wurde geschrien und gedroht, wir wurden ausgeschimpft und beleidigt. Und das war nur die Kundschaft in den Amtsräumen, nächste Woche geht es in den Außendienst.

Ich gestehe: Das bin ich nicht mehr gewohnt. Der universitäre Rechtswissenschaftler löst seine Probleme, indem er sie, gewissermaßen unter Laborbedingungen, seziert und eingehend analysiert. Am Anfang steht eine Rechtsfrage, am Ende steht ihre Lösung. Nirgendwo steht ein verzweifelter Mensch, mit großem Hunger und mit Wut im Bauch. Erklärt man ihm, man sei nur Vollstreckungsorgan, er solle seine Beschwerden bitte direkt an den Gläubiger richten, kommt man sich vor wie die Karikatur eines Bürokraten: Für Ihre Probleme sind wir nicht zuständig, wir sorgen nur dafür, dass sie wachsen.

Warum ich beim Hauptzollamt bin? Ich bereite mich auf den nächsten Elfenbeinturm vor. Seit Anfang Mai bin ich Dozent an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Münster; im August beginnen meine Vorlesungen für Zollinspektorenanwärter: Allgemeines Steuerrecht und Verfassungsrecht. Der Aufenthalt am Hauptzollamt soll sicherstellen, dass ich die Zollpraxis kenne, denn auch die Studenten absolvieren umfangreiche Praxiszeiten. Einen weltfremden Gelehrten ohne Ahnung vom täglichen Geschäft will man ihnen da nicht zumuten. Ich beginne zu ahnen, warum.

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