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Horst und jetzt?

Horst Köhler ist zurückgetreten. Ab heute hat die Bundesversammlung 30 Tage Zeit, einen neuen Präsidenten zu wählen (Art. 54 Abs. 4 GG), wenn nicht das Grundgesetz noch eilig geändert und Stefan Raab mit der Auswahl betraut wird.

Wer wird Köhler nachfolgen? Jetzt ist es an Merkel, schnell einen Kandidaten zu finden. Sie sollte aufpassen: Die Machtverhältnisse in der Bundesversammlung sind nicht allzu komfortabel. In der Koalition herrscht immer noch Unfrieden, und die schwächelnde FDP ist vor allem mit ihrer Selbstzerfleischung beschäftigt. Merkel tut gut daran, einen Konsenskandidaten zu finden, der bei der Koalition punkten und auch bei der SPD ein paar Sympathiestimmen abgreifen kann (Koch fällt also aus). Personaldiskussionen innerhalb der Koalition über die Qualität ihres Kandidaten sollte sie vermeiden, damit nicht noch mehr Zwist entsteht (Koch fällt also aus). Gefährlich wäre auch, wenn der CDU-Kandidat das rot-rot-grüne Lager im Widerstand vereinen würde (Koch fällt also aus). Merkel muss nun machen, was sie am besten kann: Glatte, langweilige Politik, die niemanden aufregt.

Der perfekte Kandidat dafür ist Wolfgang Böhmer.

Böhmer ist der, der nicht verstört. Er ist Professor und trotzdem volksnah, er ist gebildet und kann sich ausdrücken. Seine Reden sind klug, konsensfähig und ein bisschen langweilig, seine Positionen wecken wenig Widerspruch. Niemand müsste sich für ihn genieren, ob in Yad Vashem, im Buckingham Palace oder beim Jahrestreffen der IG Metall-Senioren. Kurzum, er ist “präsidiabel”. Sein größter Skandal war die Bemerkung, in Ostdeutschland sei Kindstötung “für manche ein Mittel der Familienplanung”. Einem Wessi hätte man das vielleicht nicht verziehen, aber Böhmer ist selbst Ostdeutscher – und er hat sich für seine Bemerkung entschuldigt. Dabei ist er religiös genug, um nicht im Westen beargwöhnt zu werden. Und er ist keine Frau, was jene beruhigt, die nicht Regierung und Staat in weiblicher Hand wissen wollen.

Von Bundes- und Parteipolitik ist Böhmer weit genug entfernt: Von seiner Nominierung müsste sich niemand übervorteilt fühlen und es entstünde auch nicht der Verdacht, hier lobe die Kanzlerin einen Konkurrenten weg. Anders als bei Schäuble gibt es bei Böhmer keine Spekulationen über seinen Gesundheitszustand – und alles spricht dafür, dass er noch mindestens fünf Jahre bei Kräften bleibt. Für eine zweite Amtszeit wäre er dann allerdings zu alt – was wiederum einige ambitionierte CDU-Prinzen und -Prinzessinnen beruhigen dürfte. Und dass Böhmer in Sachsen-Anhalt mit einer großen Koalition regiert, würde die SPD so milde stimmen, dass vielleicht auch von dort ein paar Stimmen abfallen.

Große Überraschungen müsste man von Böhmers Präsidentschaft nicht erwarten – aber auch keine großen Würfe. Vielleicht sollte man wirklich lieber Stefan Raab beauftragen.

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1 Kommentar zu "Horst und jetzt?"

  • Franco sagt:

    Sollte Raab statt Lammert die Wahl des Bundespräsidenten organisieren, dann wäre, um Lena auch in Berlin zum Erfolg zu verhelfen, die verfassungsrechtliche Altesgrenze (Art. 54 Abs. 1 S. 2 GG) zu kippen. Oder Raab macht es gleich selber. Doch reicht allein sein Unterhaltungswert? Kommt es darauf überhaupt an? Ich habe “Superhorst” (zit. nach BILD) wegen seiner Kompetenz in wirtschaftlichen Fragen und seiner Kritik an politischen Missständen – von der die eigene Partei nicht verschont blieb, was ihm Glaubwürdigkeit verlieh – geschätzt. Wer ihm nachfolgt, hat es schwer. Horst Schlämmer hat schon mal den selben Vornamen, da müsste am Briefpapier nicht so viel geändert werden. Und der im Artikel angepriesene Wolfgang Böhmer ist dem Durchschnittsdeutschen immerhin genauso wenig bekannt, wie es Horst Köhler vor seiner ersten Wahl zum Bundespräsidenten war. Wolfgang Schäuble ist unbeliebt. Wolfgang Joop steht nicht zur Debatte. Doch wer dann? Ursula von der Leyen hat bisher ihre Rolle als Ministerin glaubwürdig vertreten, das bringt ihr meine Sympatie. Nur sitze ich nicht in der Bundesversammlung.

    Was wird nun aus Horst Köhler? Nach dem Ausfall von Ballack u.a. könnte er unsere Elf in Südafrika verstärken.

    Und was wird aus Deutschland, wo doch gerade aktuell Wirtschafts- und Finanzkompetenz gefragt sind? Friedrich Merz, unbeliebt aber hochkompetent, hat Angie ausgepielt. Paul Kirchhof, politisch etwas ungeschickt aber hochkompetent, hat die CDU aus Wahlkampftaktik fallen gelassen. Roland Koch, unbeliebt aber hochkompetent, ist zurückgetreten. Horst Köhler, politisch etwas ungeschickt aber hochkompetent, ist zurückgetreten. Die FDP als wirtschaftspolitische Kraft verliert derzeit an Bedeutung. Die SPD hat entdeckt, dass sie wieder links sein will.

    Ich halte es mit Rudi Carrell: “Lass dich überraschen…”

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