Juratainment | Punkt, Punkt, Paragraf

E Pluribus Meum

Der beliebteste Politiker Deutschlands ist beim Abschreiben erwischt worden. Etliche Passagen seiner Doktorarbeit stammen offensichtlich aus älteren Veröffentlichungen – man hat bereits aufgehört zu zählen. Der Ertappte hat den Vorwurf zurückgewiesen (“Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung”), sein Doktorvater hat ihn verteidigt (“Diese Arbeit ist kein Plagiat”). Andere verlangen den Widerruf des Doktortitels. Angela Merkel macht unterdessen, was sie immer macht: Abwarten.


Einleitung der Dissertation von zu Guttenberg (Ausriss: FAZ.net)

F.A.Z. vom 27.11.1997 (Ausriss: FAZ.net)

Währenddessen laufen die Medien zu Hochform auf. Google News zählt über 1.400 Artikel zum Thema, die Süddeutsche Zeitung und SPIEGEL Online basteln hübsche Flash-Animationen, und für ein paar schale Witzchen ist auch noch Platz.

Plagiat-Skandale sind ein wunderbares Thema. Eine öffentliche Person stolpert, und nun wollen alle sehen, ob sie stürzt. Das kann Tage dauern, Wochen sogar, in denen es viel zu berichten gibt: Von wem hat der Betroffene außerdem noch abgeschrieben? Wie unterstützen ihn seine Freunde? Welche Konsequenzen fordern seine Gegner? Was sagen die “Experten” zur Lage?  Und während das wohlige Schauern des Zuschauers bei Fremdgeh-Geschichten und anderen Privatdingen immer einem pflichtschuldigen Naserümpfen Platz lassen muss, lässt sich ein Plagiat-Skandal ungetrübt genießen. Es geht ja schließlich auch um die berufliche Zuverlässigkeit. Bei zu Guttenberg kommt die Fallhöhe hinzu: Ausgerechnet der! Die Zukunftshoffnung der deutschen Politik! Wenn der schon abgeschrieben hat, was haben dann die anderen gemacht?

Und genau darauf wartet die Öffentlichkeit jetzt: Auf weitere Skandale, auf weitere Sünder. “Schafft mehr Dissertationen heran!”, schallt es durch die Räume der Redaktionen. Den Volontären und Redaktionsassistenten in Deutschland stehen ein paar sehr mühsame Tage bevor.

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3 Kommentare zu "E Pluribus Meum"

  • eiopa sagt:

    Was für ein Aufstand über die Arbeit von Guttenberg. Kopiert oder nicht, was solls. Was mich an der Geschichte am Meisten aufregt ist, dass darüber mehr Aufstand gemacht wird und ein größeres Echo in den Medien findet, als die armen Bundeswehrsoldaten in Afghanistan.

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  • Franco sagt:

    Helene Hegemann hat das Abschreiben nicht geschadet, vielmehr den Verkauf ihres Buches unterstützt. Vielleicht hat K.T. auch eine Gewinnbeteiligung mit dem Verlag ausgehandelt und die Entdeckung selbst veranlasst, um von den Tantiemen seiner Gattin den nächsten Flug nach Afghanistan zu spendieren.

    Oder er wollte seinen eigenen Rückzug aus der Politik einleiten. Die Bundeswehr hat er umstrukturiert, Kanzler wird nach der nächsten Wahl sowieso ein Grüner – was gibt es auf der politischen Bühne für ihn schon noch zu holen?

    Oder wollen Regierung und Opposition von ihrer Unfähigkeit, die verfassungsgerichtliche Entscheidung zu Hartz IV umzusetzen, ablenken und haben deshalb das Sommerloch schon im Februar bestellt?

    Dass die Rezension seiner Diss ausgerechnet ein Bremer Prof schrieb und noch ausgerechneter in der Kritischen Justiz, verwundert weniger als ein weiterführender Link von der Tagesschau-Seite zum Rosa Luxemburg Institut. Tatsächlich interessant ist freilich die Frage, wie man denn eigentlich Tagespresse in der Diss zitiert, wo doch häufig bereits im juristischen Studium darauf hingewiesen wird, dass solche Quellen gar nicht zitierfähig sind.

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  • Bernie sagt:

    @Franco: “Vielleicht hat K.T. auch eine Gewinnbeteiligung mit dem Verlag ausgehandelt ” – Der Amazon-Verkaufsrang seiner Dissertation liegt derzeit bei 825. Damit schlägt er die Buchpreisgewinnerin 2010 um über 1.000 Plätze.

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