Die F.A.S. hat zuviel um die Ohren
Wie kommt man als Konsument zu neuer Musik?
In meiner Teenagerzeit, sie fand in den frühen 90er Jahren an den Rändern Mönchengladbachs statt, funktionierte das so: Ich setzte mich in den Bus, fuhr 20 Minuten in die Stadt, durchkramte die CD-Regale der Händler, fand mit etwas Glück das Gesuchte und fuhr wieder nach Hause. Für ein neues Album war ich im Schnitt 60 Minuten unterwegs, auf manche Bestellungen wartete ich acht Wochen. Noch schwerer war es, neue Musik überhaupt erst zu entdecken. Ich war angewiesen auf Empfehlungen von Freunden, auf Rezensionen in “ME Sounds” und “Spex”, auf das, was das Musikfernsehen so brachte und auf die Indie-Diskotheken, die “BaCa” hießen oder “Rock Babylon”. Rough Trade verkaufte die Samplerreihe “Music for the 90s”, 79 Minuten Musik für fabelhafte 12 Mark 99: Ein Füllhorn, das mir etliche Lieblingsbands bescherte.
Und heute? Heute gibt es das Internet. Nahezu jede Band unterhält eine Myspace-Seite, es gibt zahllose gute Musikblogs, auf Youtube laufen Millionen von Musikclips und auch die großen Musikverkäufervon iTunes bis eMusic stellen zumindest Audioschnipsel zum Probehören zur Verfügung. Noch nie war es so leicht wie heute, auf gute Musik zu stoßen – und sie zu erwerben: Statt einer langen Busfahrt tun es heute ein paar Mausklicks. Dabei ist Musik nicht mal teurer geworden. Früher gab es Audio-CDs für 20-30 Mark, heute kostet ein MP3-Album im Download zwischen 10 und 13 Euro.
Diese Entwicklung schlecht zu finden, ist gar nicht so einfach, aber die F.A.S. hat es geschafft. Edo Reents schreibt heute, wir seien “überversorgt und orientierungslos” und sieht uns zu “besinnungslosen Konsumenten” herabgewürdigt:
Die Grenzen der Verfügbarkeit, die es im Tonträgerzeitalter gab, sicherten der Musik das, was man eine Aura nennt. Ihre Allgegenwart bringt die Kulturleistung, als die das konzentrierte Hören gelten darf, zum Verschwinden. Welchen Stellenwert soll ein Hörerlebnis noch haben, wenn es sich jederzeit einstellen kann und Vorfreude, Sammlung und vielleicht auch eine gewisse Andacht überflüssig sind?
Reents’ Argument ist also dieses: Weil Musik früher schwieriger zu erhalten war, hat man sie wertvoller geschätzt. Wie beim Edelmetall: Seltenes ist kostbarer. “Sammlung” durch Sammeln, gewissermaßen. Wenn es Musik an jeder Ecke gibt, ist sie nichts mehr wert.
Damit bin ich nicht einverstanden. Die Qualität meiner Hörerlebnisse ist nicht von Vorfreude und Sammlung abhängig, sondern von guter Musik. Nach wie vor gelingt mir das “konzentrierte Hören” hervorragend. Und damals im kalten, muffigen Bus, auf Kaufmission mit ungewissem Ausgang, habe ich alles mögliche empfunden, aber bestimmt keine “Andacht”. Musik ist keine Wertanlage, sondern ein Konsumgut, dem es nichts schadet, wenn es in Vielfalt vorhanden und leicht verfügbar ist. Ärgerlich ist die neue Verfügbarkeit vor allem für jene, die auf Distinktionsgewinn aus sind: Plötzlich kann jeder mitreden, auch die, die nicht viermal im Jahr nach London fahren, um Platten zu kaufen und “The Face” zu lesen.
Wer etwas Freizeit übrig hat, weil es ihm noch nicht gelungen ist, die früher mit Andacht und Sammlung (oder mit Busfahren) verbrachten Stunden sinnvoll zu füllen, der möge Reents’ Argumente spaßeshalber auf andere Errungenschaften menschlichen Fortschritts übertragen. Das Rad, das Telefon, der Buchdruck, der Rechtsstaat: War es nicht viel schöner, als es diese Dinge noch nicht an jeder Ecke gab?